Zum Tod von Dr. Michael Geschwinde, Braunschweig
Nach kurzer, schwerer Krankheit starb Dr. Michael Geschwinde am 18. August 2026 im Alter von 67 Jahren.
Der 1959 geborene Kasselaner schloss sein 1978 in Göttingen aufgenommenes Studium der Ur- und Frühgeschichte, Vorderasiatischen Archäologie und Anthropologie 1986 mit einer Magisterarbeit über Opferfundplätze in den Höhlen des südniedersächsischen Gebirgszuges Ith ab. Während seines Studiums nahm er an zahlreichen Grabungen und Geländeeinsätzen im In- und Ausland teil und engagierte sich in der studentischen Arbeitsgruppe zu den „Göttinger Typentafeln zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas“, die sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hatte, Bestimmungshilfen und Nachschlagewerke zu den wichtigsten Formengruppen der Ur- und Frühgeschichte vorzulegen. Mit dem Band zur frühen und Hügelgräberbronzezeit in Süddeutschland legte Geschwinde 1983 einen Meilenstein vor.
Auf seinem Berufsweg als wissenschaftlicher Volontär und Mitarbeiter durch das Lippische Landesmuseum Detmold, das Landesmuseum Hannover und das Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim stellte er seine große fachliche Bandbreite von der Bronzezeit über das hohe Mittelalter bis zu ägyptischen Themen unter Beweis. Er forschte, beteiligte sich an der Konzeption von Ausstellungen und entwickelte museumspädagogische Angebote.
Sein hier erworbenes Gespür für die Vermittlung hochkarätiger Wissenschaft in die Breite der Öffentlichkeit prägte auch seine denkmalpflegerische Arbeit. 1993 übernahm Geschwinde in der Nachfolge von Hartmut Rötting die Leitung der Bezirksarchäologie Braunschweig beim heutigen Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, die er bis zu seiner Pensionierung Ende 2023 innehatte.
Eines seiner ersten Projekte führte ihn auf den Wurmberg im Oberharz. Die Befunde auf dem höchsten Berg Niedersachsens wurden Jahrzehnte lang als keltische Kultstätte angesprochen, bis seine Grabungen stattdessen den Beginn des frühen Harztourismus im 19. Jahrhundert belegten.
Neben der enormen beruflichen Arbeitslast gelang ihm 1996 der Abschluss seiner Promotion über „Die Hügelgräber auf der Großen Heide bei Ripsdorf im Landkreis Uelzen: archäologische Beobachtungen zu den Bestattungssitten des Spätneolithikums und der Bronzezeit in der Lüneburger Heide“ bei Prof. Gernot Jacob-Friesen, veröffentlicht 2000 in den Göttinger Schriften zur Vor- und Frühgeschichte.
Dr. Geschwinde stand für eine forschungsorientierte Denkmalpflege in einem breiten institutionellen und interdisziplinären Netzwerk, was sich an vielen Rettungsgrabungs- und Forschungsprojekten und der Fülle seiner Publikationen ablesen lässt. Dabei verstand er es im Team mit Kollegen, die Ergebnisse wissenschaftlich fundiert, allgemeinverständlich und unterhaltsam zu verbreiten. Beispiele sind die Bände zu den ersten sesshaften Bauern und zur Pipelinearchäologie in der populärwissenschaftlichen Reihe „Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens“.
Beim Bau der 380kV-Freileitung Wahle-Mecklar, die erstmals auch viele Kilometer Erdkabel einschloss, setzte er im Zusammenspiel mit den Kommunalarchäologien Standards für die archäologische Begleitung solcher Linearprojekte. Über zehn Jahre hinweg untersuchte Geschwinde das germanische Gräberfeld im Braunschweiger Stadtteil Rüningen, das auf 13 ha etwa 4.500 Bestattungen aufwies. Ausgehend von diesem gut erhaltenen und größten kaiserzeitlichen Friedhof im Braunschweiger Land im Kontext anderer Siedlungen und Gräberfelder gelangen dem Forscher modellhafte Berechnungen zur Bevölkerungsdichte in Südostniedersachsen. In Braunschweig verknüpfte er geschickt Rettungsgrabungen mit Forschungsfragen, in dem er die stadtarchäologischen Großprojekte seines Vorgängers durch eigene Untersuchungen verdichtete und in Form von Examensarbeiten monografisch auswerteten ließ.
Es gelang ihm immer wieder, Forschende für die Auswertung großer Grabungsprojekte zu gewinnen und damit zum Abschluss zu bringen. Beispiele dafür sind die Wüstung Klein Freden bei Salzgitter, der Pallwall bei Flechtorf und die Burg Lichtenberg. Für die hervorragende Zusammenarbeit mit den naturwissenschaftlichen Nachbardisziplinen sei die anthropologische Auswertung des neuzeitlichen Friedhofs an der Marienkirche in Wolfenbüttel als nur ein Beispiel genannt.
Wichtig war ihm die Beschäftigung mit Relikten der Zeitgeschichte, für die er die Archäologie in besonderer Verantwortung sah.
Große Wertschätzung genoss Michael Geschwinde in den Reihen der Baudenkmalpflege mit der er durch mehrere Projekte verbunden war. Beispielhaft seien die Untersuchungen zur Stiftskirche oder zum Reichsstift St. Simon und Judas in Goslar genannt.
Geschwinde hielt stets auch einen engen Kontakt zu den Geschichtswissenschaften, was sich nicht nur in seinen Publikationen widerspiegelt, sondern auch in seinem Lehrauftrag an der TU Braunschweig, wo er angehende Lehrkräfte und Forschende für die Ur- und Frühgeschichte begeisterte.
Mit der Entdeckung des römisch-germanischen Schlachtfeldes des 3. nachchristlichen Jahrhunderts am Harzhorn („Harzhornereignis“) entwickelte Geschwinde ab 2008 im Team mit Kollegen im Landesamt, der Northeimer Kreisarchäologin Petra Lönne und Prof. Michael Meyer von der FU Berlin ein bürgerschaftlich unterstütztes, mit Forschungsmitteln des Landes und der DFG ausgestattetes Projekt zur Konfliktarchäologie, das 2013 in einer Landesausstellung präsentiert und Ende 2025 mit einer dreibändigen Veröffentlichung abgeschlossen wurde.
Ein ebenso ambitioniertes, ebenfalls DFG-gefördertes Forschungsvorhaben entwickelte er gemeinsam mit Dirk Ratzel-Fabian: „Erdwerke im Braunschweiger Land“, das er ebenso wie das Harzhorn noch nach seiner Pensionierung betreute und zum Abschuss brachte. Wenige Tage vor seinem Tod konnte er noch den Andruck in den Händen halten.
Eine besondere Herzensangelegenheit war ihm die Erforschung der Königspfalz Werla, die in vier Monografien mündete. Hier gelang ihm gemeinsam mit Markus Blaich in Zusammenarbeit mit Kräften aus Politik, Naturschutz, Archäologie und der Landwirtschaft diesen bedeutenden Ort denkmalpflegerisch nachhaltig zu sichern und zu einem archäologischen Park zu entwickeln. Seine besondere Verbundenheit zu dem Ort zeigt sich in seinem in der Traueranzeige wiedergegebenen Wunsch, statt eventueller Blumenspenden den Förderverein der Werla zu unterstützen.
Große Verdienste erwarb Dr. Geschwinde in zahlreichen Gremien, so als langjähriges Vorstandsmitglied der Archäologischen Kommission für Niedersachsen, wo er mit seinem vermittelnden Geschick wesentlichen Anteil an der positiven Weiterentwicklung des für Niedersachsen so charakteristischen vielschichtigen Archäologienetzwerkes aus Landes- und Kommunalarchäologie, Museen, Universitäten und Forschungseinrichtungen sowie dem Ehrenamt hatte.
Er war 1998 Mitbegründer der populärwissenschaftlichen Jahreszeitschrift „Archäologie in Niedersachsen“ und der Monografienreihe „Beiträge zur Archäologie in Niedersachsen“, die anfangs speziell dafür konzipiert waren, Examensarbeiten zu Grabungsprojekten aufzunehmen.
Besonders wichtig war ihm die enge Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen und deren fachliche Schulung. Seine Erfahrungen in der engen Zusammenarbeit mit Sondengängern u.a. auf frühneuzeitlichen Schlachtfeldern und am Harzhorn brachte er in die in Niedersachsen obligatorischen Schulungen für Sondengänger und Sondengängerinnen ein.
Geschwinde genoss aufgrund seiner hohen fachlichen Reputation und seiner integrativen Kraft hohes Ansehen in der bundesdeutschen Archäologie. Über viele Jahre engagierte er sich im Verband der Landesarchäologien; so war er viele Jahre Sprecher der Kommission „Illegale Archäologie“, wo er sich erfolgreich um einen Konsens im Umgang mit ehrenamtlichen Metalldetektorgängern bemühte.
Mit Michael Geschwinde hat nicht nur die niedersächsische Archäologie einen ihrer prägendsten und produktivsten Forscher, Denkmalpfleger und Vermittler verloren.
Henning Haßmann